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Das Leben ist die Essenz der Gedanken

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Archiv für 12. März 2010

Rezension: Die Wirtschaftskraft des Verbrechens

Geschrieben von dennislohmann - 2010/03/12

Schon das Deckblatt scheint Programm zu sein. Der Betrachter sieht eine Handfeuerwaffe, welche eindeutige Gebrauchsspuren aufweist, die Worte Gomorra und Camorra prangen in großen Lettern im Titel und verdeutlichen wohin das Buch zu führen scheint. Die gewaltvolle Welt der Mafia. Krieg und Frieden zwischen Gangsterbanden wie sie der Leser aus Filmen wie Der Pate oder Casino zu kennen scheint. Und doch kommt alles anders. Es ist nicht so, dass Saviano nicht über die brutalen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Clans Süditaliens berichtet, doch mehr geht es ihm um die Vermittlung der Strukturen, die den „Kraken“ Camorra hervorgebracht haben. Es geht ihm um die wirtschaftliche Rückständigkeit der Region, die Unfähigkeit der Regierung den Menschen eine Perspektive zu bieten und die daraus resultierende Macht für diejenigen, die diese Leerstelle zu füllen verstehen.

Einigen Lesern mögen die detailreichen Schilderungen der wirtschaftlichen Strukturen der Region langatmig erscheinen, doch verdeutlicht sich erst hier, woher die Macht der Clans tatsächlich herrührt und warum sie sich trotz vieler Prozesse, Ermittlungen und Fehden so lang halten können.  „Das System versorgt den großen internationalen Bekleidungsmarkt, das Universum der Mode in aller Welt. Jeder Winkel des Globus ist von den Firmen, den Männern und den Produkten des Systems erreicht worden. […] Die kriminelle Organisation ist identisch mit der Ökonomie, die Dialektik des Geschäfts ist das Knochengerüst des Clans.“

Tatsächlich scheinen die „militärischen“ Operationen der Clans sich auf ökonomisch vertretbare Maße zu reduzieren ohne jedoch ihren Schrecken ganz zu verlieren. Eine „feindliche Übernahme“ bekommt in diesem Zusammenhang schon einmal eine völlig neue Bedeutung bevor die anschließende Grabesruhe wieder beherrscht wird von den Strategien der Manager und der Arbeit der Angestellten. Saviono ergreift Partei für die Menschen der Region, er prangert die menschenverachtende Ideologie des Systems an und enthüllt gleichzeitig, dass es kapitalistische Maßstäbe sind an denen die Clans sich messen lassen.

Das Buch ist somit keine Geschichte von sympathische Mafiabosse, die versuchen ihre Familien und ihr Vermögen zu beschützen, sondern vielmehr eine Geschichte der Opfer. Der Autor beschreibt die Tragödien dieser Entwicklung und verhilft damit genau den Menschen zu einer Stimme, die in ihrer Region keine legale Perspektive haben und in der Außenwelt pauschal als Mitglieder krimineller Vereinigungen abgeschrieben werden.

Für alle Fans von Don Corleone bleibt am Ende die Erkenntnis, dass Hollywood zwar Einfluss auf die Gedankenwelt der Clans hat, die Wirklichkeit aber nicht in epischen Werken der amerikanischen Filmindustrie wiedergespiegelt wird. „Die neuen militärischen Oberbefehlshaber der kriminellen Vereinigungen Neapels treten nicht wie Kleinkriminelle, sie haben nicht die weit aufgerissenen Augen und den verwirrten Gesichtsausdruck von Cutolo, meinen nicht, sich wie Luciano Liggio oder Al Capone oder als Karikaturen von Lucky Luciano oder Al Capone verhalten zu müssen. Matrix, The Crow – die Krähe und Pulp Fiction machen besser deutlich was sie wollen und wer sie sind. Mit diesen Vorbildern ist jedermann vertraut, und sie bedürfen keiner weiteren Erklärung.“

Saviono setzt diesen Vorbildern ein „ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch“ entgegen. Dies macht seinen Bericht zu einem beeindruckenden Zeugnis der Menschlichkeit in einem vergessenen Land.

Titel: Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra

Hardcover: 368 Seiten

Herausgeber: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2009)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3423345293

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