Rezension: Nehmt mein Blut, Nehmt mein Totengewand
Geschrieben von dennislohmann - 2010/05/04
Es sind diese Zeilen der Verzweiflung die den Leser fast körperlich spüren lassen, welches Unrecht unter dem Deckmantel der Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten im amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba begangen wurde. Erschienen sind sie nun in einem schmalen Band, in dem die Häftlinge des Guantanamo-Systems ihrer Trauer, ihrer Wut, vor allem aber ihrer Resignation Ausdruck verleihen konnten.
Jumah al-Dossari saß über fünf Jahre in Guantanamo. Während seiner Gefangenschaft von 2002 bis 2008 versuchte er 12 mal sich das Leben zu nehmen. Diese Versuche sein Leiden zu beenden seien laut Josh White, zwischenzeitlich Korrespondent der Washington Post in Guantanamo, ein unmissverständlicher Hilferuf an die westliche Welt gewesen, welche erst zuließ, dass die USA ihn unschuldig einsperrten und ihn anschließend vergaß. In seinen Gedichten sollte er später eine neue Form der Bewältigung des an ihm begangenen Unrechts finden.
Al-Dossari wurde 2002 an der pakistanisch-afghanischen Grenze von pakistanischen Militärs festgesetzt und später an die USA ausgeliefert. Er war in Afghanistan um beim Bau einer Moschee zu helfen und versuchte nach Beginn des Krieges die saudi-arabische Botschaft in Pakistan zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt war er ein gläubiger Moslem und gegen den Krieg gegen Afghanistan aber er wollte eben nur beim Bau einer Moschee helfen. Seine Verbringung nach Guantanamo steht damit stellvertretend für die vielen Schicksale, welche in der aufgeladenen Situation der ersten Kriegsjahre auf oftmals unverständlichen Wegen in dem Gefangenenlager auf Kuba zusammentrafen. Viele dieser Menschen waren genau wie Jumah al-Dossari keine Terroristen, sondern gehörten zu den Unglücklichen, welche gegen ein hohes Kopfgeld an die USA ausgeliefert wurden und sich oftmals nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufhielten. Laut SPIEGEL-Informationen wird nur acht Prozent der Guantanamo-Insassen vorgeworfen, Mitglieder der al-Qaida zu sein, nur fünf Prozent wurden von den USA selbst gefangen genommen und weniger als der Hälfte wird tatsächlich unterstellt, feindliche Akte gegen die Vereinigten Staaten geplant oder begangen zu haben.
So steht al-Dossaris Gedicht auch symbolisch für die Verzweiflung der Menschen, welche weder die Dauer noch den Grund ihrer Gefangenschaft kannten und so offensichtlich keine Rechte besitzen durften, dass sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren. Es sind Zeilen, die den Leser unmissverständlich berühren müssen und doch geschrieben wurden von einem Mann, dessen Feindschaft wir uns mehr als fünf Jahre lang so sicher waren, dass wir es den USA gestatteten, ihn gefangen zu halten, ihn zu foltern und ihn schließlich bis zum versuchten Selbstmord zu treiben.
“Todesgedicht”:
Nehmt mein Blut
Nehmt mein Totengewand und
die Überreste meines Körpers
Macht Fotos von meinem Leichnam am Grab, einsam
Schickt sie an alle Welt
Zu den Richtern und
Zu den Menschen, die ein Gewissen haben
Schickt sie an die mit Prinzipien und die Wohlgesinnten
Und lasst sie die schuldige Bürde tragen
dieser unschuldigen Seele
Lasst sie die Bürde tragen, vor ihren Kindern und der Geschichte
Dieser verschwendeten, schuldlosen Seele
Dieser Seele, die gelitten hat durch die Hände der “Beschützer der Freiheit”
In einem Interview mit der Washington Post spricht al-Dossari offen über seine Erlebnisse auf Kuba. Schon im Flugzeug nach Riad schwor er sich, dass er vergeben müsse, doch auch nach einem Jahr in Freiheit kann er nicht umhin zu betonen: „I’m Home, but Still Haunted by Guantanamo“
Heute kann der Westen nur hoffen, dass die Mehrheit der Gefangenen von Guantanamo uns ebenso vergeben möge wie Jumah al-Dossari es tut. In Zeiten in denen über die Aufnahme ehemaliger Häftlinge diskutiert wird, liegt es in unserer Verantwortung zu zeigen, dass wir ihre Vergebung verdient haben.
Titel: Poems from Guantanamo: The Detainees Speak
Herausgeber: University Of Iowa Press; 1 edition (August 15, 2007)
Sprache: English
ISBN-13: 978-1587296062


Klocke sagte
Ich mag Menschen nicht.
Dennis sagte
welche meinste denn da? uns, die oder die anderen…
Hans Küng Jr. sagte
grausam