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Rezension: Gibt es den gerechten Mord?

Geschrieben von dennislohmann am 2011/01/26

„Operation Nemesis“; hinter diesem Buchtitel, der sich wie ein neuer Film der erfolgreichen Star-Trek-Reihe liest, verbirgt sich in Wahrheit die Geschichte des ersten Genozids des 20. Jahrhundert.  In seiner Geschichte, so behaupten Zeitzeugen, liege schon der Grundstein für die spätere Vernichtungspolitik des Naziregimes gegen die Juden Europas. Gemeint ist der Völkermord an den Armeniern. Ein Kapitel der türkischen Geschichte, die in ihrer Konsequenz von Seiten der modernen Türkei noch immer nicht akzeptiert, geschweige denn ausreichend aufgearbeitet ist.

Auch den damaligen Bündnispartner des Osmanischen Reiches, das Deutsche Kaiserreich, trifft nach Meinung vieler Historiker, eine nicht unerhebliche Mitschuld an diesem Menschheitsverbrechen. Erst durch die konsequente Duldung von Vertreibung und späterer Vernichtung der Armenier machte die deutsche Reichsführung dieses Verbrechen möglich.

Rolf Hosfeld, seines Zeichens Filmemacher, Journalist und Chefredakteur der Reihe „Kulturverführer“, hat diesem umstrittenen und noch weitgehend unbearbeiteten Thema nun ein Buch gewidmet. In diesem geht es ihm nicht um einseitige Schuldzuweisungen an die Türkei oder Deutschland, sondern um die historische Wahrheit der staatlich Ermordung einer ganzen Volksgruppe. 2005 jährt sich der Völkermord, dem ca. 1,4 Millionen Armenier zum Opfer vielen, zum 90. Mal. Grund genug für den Autor in seinem Buch mit dem Märchen über eine landesweiter Verschwörung seitens der Armenier im 1. Weltkrieg aufzuräumen.

Eine global tätige armenische Geheimorganisation sollte sich erst nach dem Krieg, also nach dem Mord an hunderttausenden armenischen Frauen, Kindern und Greisen bilden; die Operation Nemesis. Ihre Mitglieder hatten es sich zum Ziel gesetzt, die wahren Verantwortlichen des Völkermordes zur Strecke zu bringen. In sein Buch bettet Rolf Hosfeld die Geschichte des jungen Armeniers Soghomon Tehlirjan. Er ermordete am 15. März 1921 auf der Berliner Hardenbergstraße des ehemaligen Großwesir des Osmanischen Reiches Talaat Pascha. Dieser gehörte nach Meinung vieler Armenier zu den Hauptverantwortlichen des Völkermordes. In einer späteren Verhandlung vor dem Berliner Landgericht wird der Angeklagte folgerichtig behaupten: „Nicht ich bin der Mörder, sondern er.“

Mit Schilderungen vieler Einzelschicksale und einem detailreichen Einblick in die innertürkischen Verhältnissen der Kriegs- und Vorkriegszeit ermöglicht Rolf Hosfeld einen aufrüttelnden Überblick über den ersten Genozid unserer Zeit. Automatisch muss sich der Leser fragen, wie es in einem fast modernen Rechtstaat wie der Türkei möglich sein kann, dass Paragraph 305 des Strafgesetzbuches die Anerkennung der Völkermordes an den Armeniern als staatsfeindliche Propaganda strafbar macht. Die 311 Seiten des Buches lassen jedenfalls nur wenig Zweifel zu, dass es einen staatlichen Plan zur Ermordung aller im Reich lebenden Armenier gegeben hat.

Der Journalist Ralph Giordano formulierte seine Meinung zu diesem Buch mit den folgenden Worten: „Ein ebenso notwendiges wie aufwühlendes Geschichtswerk – das Panorama eines Schreckens, der bis dahin nicht seinesgleichen hatte, aber im Gegensatz zum Holocaust bis heute nicht in das Weltbewusstsein eingedrungen ist.“ Eine Aussage der man sich nach der Lektüre nur anschließen kann.

Titel: Operation Nemesis: Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern

Hardcover:351 Seiten

Herausgeber: Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Aufl. (17. Februar 2005)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3462034684

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