Rezension: Die „größte Gefahr seit Hitler“ oder der „ewig gejagte“
Geschrieben von dennislohmann am 2011/04/15
„Strauß der Dämon“, der „dick gewordene Hitler“, der Meister von Flick, Schreiber und Co. So oder so ähnlich wird Franz Josef Strauß in großen Teilen Deutschlands (exklusive Bayerns natürlich) bis zum heutigen Tag gesehen. Ein Mann über den Richard von Weizsäcker einst sagte: „Die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit verzeichnet in jedem Kapitel seinen Namen. Er ist weit über sein Amt hinaus eine politische Autorität.“
Wer aber war der „letzte Monarch Bayerns“ wirklich? Was trieb ihn an und welche Leichen lagern tatsächlich in den Kellern der Familie Strauß? Diesen Fragen versucht der Autor Werner Biermann auf den Grund zu gehen. Er will Strauß in dem größeren Zusammenhang der deutschen Kriegsgeneration begreifen. Immer wieder veranschaulicht er Parallelen zu seinem großen Wiedersacher Augstein, seinen politischen Gegnern Brandt, Schmidt und Genscher. Eine Generation die „zwar den Krieg verlor, aber das Leben gewinnen wollte“. Dass dieses Unterfangen mitunter nicht ohne einen Hauch psychiatrischer Kaffeesatzleserei geschehen kann versteht sich von selbst. Es ist der enormen Recherchearbeit und der Fülle an gut verpackten Informationen zu verdanken, dass Biermann hier nicht die Bodenhaftung verliert und ins mystische abgleitet.
Überhaupt lassen sich in diesem Buch weder Zeichen von Verklärung noch von Verteufelung der Person Strauß erkennen. Tatsächlich zeichnet der Autor ein zutiefst wertfreies Bild des „gemütlichen“ Bayern. Es gelingt ihm erstmals, eine Biographie vorzulegen, die sowohl den Straußgegnern als auch den Straußverehrern die Möglichkeit eröffnet ihre bisherige Sichtweise des Politikers zu überdenken und sich mit der Person hinter dem Mythos zu beschäftigen. Mehr kann der Leser von einem Buch nicht verlangen.
Biermanns Buch ist keine Offenbarung, keine Veröffentlichung mit skandalträchtigen Neuerungen oder inszenierten Enthüllungen, es ist ein Buch, das durch seinen Detailreichtum, seinen Stil und seine absolute Neutralität überzeugen kann. Dem Autor ist es gelungen den Leser mitzunehmen in die Zeiten des jungen Abiturienten, des Nazigegners und Wehrmachtsoldaten, des jüngsten Ministers seiner Zeit und des „Monarchen“ Strauß. Eine lohnenswerte Reise, wie ich finde…
Titel: Strauß: Aufstieg und Fall einer Familie
Herausgeber: Rowohlt Berlin; Auflage: 3 (28. August 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3871345425

